Ein Diskurs über die Aufenthaltsqualität
in Stadträumen

6. Mai 2024

Alternativtitel

Die Temperaturen steigen, der Sommer steht vor der Tür und mit ihm die Problematik der Überhitzung der Städte. Die Stadtbauwelt rief bereits in Ihrer Ausgabe vom Dezember 2023 den Klimanotstand aus. Sie berichtete zugleich von grünen Visionen, Experimenten und Modellen. Dabei wurde unser Gemeinschaftsprojekt VERD° hervorgehoben. Dieses entwickeln wir zusammen mit OMC°C, Office for Micro Climate Cultivation und starten gerade in die neue Saison.

In unserer Arbeit in diesem Projekt, aber auch zwei weiteren, wird deutlich, dass wir mit unseren Konstruktionen im Stadtraum vor allem einen Raum maßgeblich mitgestalten: Das ist der negative Raum.

OMC°C

Der Positivraum wird durch die Materialität, die Konstruktion konstituiert. Der Negativraum ist der Stadt-Raum, der zwischen dem Gebauten entsteht. Er ist nicht-materieller Natur und wird durch Durchblicke, Achsen, Öffnungen, Übergänge und Zwischenräume beschrieben. Erst durch die Spannung zwischen beiden Komponenten entstehen lebendige städtische Räume. Dafür müssen wir Positiv- und Negativraum stets zusammendenken.

Wenn wir den Negativraum im Sinne der Aufenthaltsqualität beeinflussen wollen, müssen wir es schaffen, z. B. durch Beschattung eine Optimierung klimatischer Verhältnisse zu erreichen. Im Zentrum müssen dabei Nutzungsszenarien, Mobilität/Bewegung und Kommunikationsmöglichkeiten stehen.

Um das zu verstehen und zum Besseren hin zu gestalten, müssen wir sehen, was diesen Negativraum ausmacht?

Welche Räume entstehen jenseits des Konstruierten, die auf den ersten Blick nicht sichtbar, wohl aber sofort fühlbar sind? Welche Potentiale des urbanen Lebens können wir mit solchen Konstruktionen im Stadtraum entfalten? Was kann daraus in Interaktion entstehen?

Drei unserer Projekte illustrieren unseren Umgang mit dem Stadtraum:
die Bushaltestelle am Marktplatz in Offenbach, die U-Bahn-Haltestelle der Linie U5 in Frankfurt und das Begrünungssystem VERD° in Zusammenarbeit mit OMC°C.

3 Projekte von Just Architekten im Stadtraum

 

Prämierte Bushaltestelle am Verkehrsknotenpunkt
von Offenbachs Marktplatz

Die Haltestelle verbindet zwei wichtige Innenstadtachsen im Zentrum Offenbachs und übernimmt eine Art Gelenkfunktion zwischen den beiden Richtungen. An einem derart prominenten Ort musste unser Entwurf den öffentlichen Raum in jeden Fall offen lassen und nicht durch das Bauprogramm eines klassischen Wartehäuschens verstellen. Für uns kam daher nur eine nicht gerichtete Geometrie in Frage, um den Fluss des Passanten-Verkehrs im Negativraum nicht zu blockieren.

So entstand eine Blätterdachstruktur mit drei Stämmen und Bänken, die in alle Richtungen offen um diese gruppiert sind. Damit geht die Haltestelle über das Maß der reinen Bushaltestellenfunktion hinaus und bildet einen Aufenthaltsplatz zu allen Seiten ab. Sie unterstützt die Wahrnehmung des Ortes als Aufenthalts- und Transit-Raum.

Nicola Stattmann und Malte Just

Die ausgedehnte begrünte Dachstruktur schafft einen großzügigen Raum, unter dem man sich wettergeschützt aufhalten kann, selbst wenn man nicht auf Busse wartet. Gerade im Hinblick des Klimanotstandes muss der Dimension des sommerlichen Sonnenschutzes, also der Beschattung unserer Plätze, eine mindestens ebenso große Aufmerksamkeit gewidmet werden wie dem Wetterschutz im Sinne eines regenfesten Unterstandes.

Unser Designkonzept wurde mit dem „German Design Award 2024“ in der Kategorie „Hervorragende Architektur – Stadtraum und Infrastruktur“ ausgezeichnet!

Hier finden Sie weitere Informationen zum Projekt.

Alternativtitel


Unsere Sichtweise geht über die klassische, funktionale Ausrichtung der Architektur hinaus. Wir wollen in Potentialen der Räume denken, ganz gleich ob in Gebäuden oder in Stadträumen.

 

U-Bahn-Haltestelle U5

Die besondere Herausforderung der Haltestelle Glauburgstraße der Frankfurter U-Bahn-Linie 5 (die hier oberirdisch verläuft) bestand in der Länge sowie dem großen Volumen der Bahnsteige. Die Anlage beeinträchtigt als Positivraum ganz erheblich den hier schmalen Straßenraum an der Eckenheimer Landstraße und die Durchwegung des Quartiers.

Nicola Stattmann und Malte Just

Unser gewinnender Entwurf für den von der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main ausgelobten Realisierungswettbewerb definiert die Haltestelle als Erweiterung des Stadtraums.

Durch das Konzept der Auffaltung des Stadtraums („gefaltete Landschaft“) konnten wir die Massivität des Bahnsteigkörper halbieren und ihn als begehbare Landschaft im Stadtraum definieren. Mit breiten Sitztreppen und Rampen lädt er zum Betreten der Anlage und zum Aufenthalt auf den Stufen ein. So wurde in erheblichem Maße eine Öffnung des Negativraums erreicht.

Alternativtitel

Die aus der Faltung des Bodenbelags sich entwickelten Wetterunterstände sind seit Inbetriebnahme zu Orientierungspunkten des Nordend geworden. Man verabredet sich dort, weil die ikonische Prägnanz eine starke Identifikation der Anwohner ermöglicht hat. Wir empfinden diese soziale Akzeptanz und Wertschätzung des Baukörpers als Kompliment für die Teamarbeit an diesem Projekt. Interessiert an weiteren Informationen zum Projekt? Einfach klicken!

 

Begrünungssystem Verd° mit OMC°C

Mit immer heißeren Sommern wird die Schaffung von Aufenthaltsqualität im Stadtraum immer dringlicher. So fragen wir uns zusammen mit dem OMC°C Office for Micro Climate Cultivation, wie wir ausreichend Schatten und Aufenthaltsqualität in die Städte bringen können. In der Entwicklung des Verd° Projekts, das zusammen mit einem Team von Designern, Gartenexperten, Statikern und Konstrukteuren entsteht, sind Just Architekten für die stadträumliche Dimension zuständig.

Für uns als Architek:innen verdichtete sich das Thema in drei Leitfragen:

Wie wollen wir offene städtische Plätze in Zukunft gestalten bzw. umgestalten, damit sie auch weiterhin im Sommer nachhaltig nutzbar bleiben?

Wie müssen möglichst flexibel platzierbare Strukturen aussehen, die der Anforderung genügen, eine Balance zwischen Negativ- und Positivraum herzustellen?

Konkreter...

Wie werden wir zu Schattengestaltern des öffentlichen Raums, um eine maximale Aufenthaltsqualität zu schaffen?

VERD° wird den Stadtraum auf eine ganz neue Art prägen. Er wird die Wahrnehmung von Plätzen und die Möglichkeiten der sommerlichen Bespielung völlig verändern.

Die aus einjährigen, schnellwachsenden Rankpflanzen bestehende Begrünung dient als luftige Struktur an Plätzen, Straßenzügen und Gebäudefassaden. Der Stadtraum wird somit räumlich in einer weiteren Dimension gefasst. Wir schaffen aufgeständerte grüne Landschaften, welche Schatten bieten, angenehme Frische, sinnliche Reize wie z.B. den Duft der Blüten. Ein Blätterdach, unter dem wir uns frei bewegen können, welches Positiv- und Negativraum organisch verbindet. Nicht zu vergessen, die Komponente als Biodiversitäts-Booster im Sinne von „bending the curve“.

Alternativtitel

Im Februar 2024 wurden OMC°C für Ihre Idee, skalierbares Grün in städtische Räume für Abkühlung, Biodiversität und mehr Lebensqualität zu bringen, von der Bundesregierung Deutschland als Kreativpilot*innen 2023/24 ausgezeichnet.

Wir freuen uns mit dem ganzen Team und unterstützen OMC°C tatkräftig, um die Weiterentwicklung der Potentiale von Verd° mit voranzutreiben. Die neue Saison hat bereits begonnen, neue Ranksysteme sind in Entwicklung und weitere Prototypen in Planung und Vorbereitung.

Lesen Sie auch den Artikel in der Stadtbauwelt 240:

Stadtbauwelt 240

Wir, das Team von Just Architekten, fühlen uns verpflichtet, Adaptions- und Mitigations-Strategien für das Planen und Bauen im Klimanotstand zu entwickeln.

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